Die Kunst, einen Tiger zu reiten

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Einen Tiger zu reiten ist ungefähr so anspruchsvoll, wie einen Kühlschrank zu putZEN.

Nur ergibt sich die Gelegenheit seltener

 

Außer: aber gemach, dazu kommen wir noch.

Nur mal eine Frage zwischendurch: „Bist du ganz bei dir, während du arbeitest?  Ich meine, spürst du dich, während du am Computer sitzt; Rechnungen schreibst; telefonierst…?“

Viele von uns sparen sich das Spüren und tiefere Empfinden für den Feierabend oder fürs Wochenende auf. Dann wird gejoggt, gefeiert, vielleicht haben wir Sex. Gehen in die Sauna oder ins Fitness-Center.

Ist es da besser? Sind wir dann bei uns? Oder hängen wir auch unseren Gedanken nach. Hören gleichzeitig Musik. Spüren wir uns dann mehr?

Urlaub ist das Zauberwort

Im Urlaub leben wir intensiv. Alles ist anders und bis in unsere Zellen saugen wir gierig Lebendigkeit auf. Lebendigkeit, die uns sonst abgeht. Noch Wochen danach sind wir genährt und erfüllt. Bis die Erinnerung verblasst und langsam die Vorfreude für das nächste Event aufkeimt.

Runde Geburtstage, Feiern, Karneval, leider auch Todesfälle oder Erkrankungen können uns ebenso ein wenig näher an das „Leben“ führen.

Und dann gibt es Momente im Leben,

die dich jäh aus deiner Routine zerren. Unangemeldet. Wie eine kalte Dusche, die dafür sorgt, dass du hellwach bist.

So wie vor kurzem in Gestalt einer schwer verletzten Frau, die vor mir auf dem Radweg lag.

Zum Abschied hat sie meine Hand gedrückt

Ein junger Mann ruft den Notarzt. Ein anderer bringt sie in die stabile Seitenlage. Dann stehen beide unentschlossen da und warten.

Noch vor ein paar Jahren wäre ich mit einem schlechten Gefühl weiter geradelt. Was kann ich schon tun?

Heute ist das ganz anders.

Den jungen Mann bitte ich, das Fahrrad und den Rucksack der Frau aus dem Weg zu räumen. Andere Radfahrer zu warnen.

Im nächsten Moment knie ich neben ihr. Und dann geht alles wie von selbst. Sie hat Angst und atmet schnell und hechelnd. Ich höre mir zu, wie ich laut und vernehmlich tief ein und ausatme. Sie öffnet die Augen und ihr Atem gleicht sich meinem an.

Ich höre Singsang, der aus mir kommt. „Alles ist gut. Gleich kommt Hilfe. Ihre Tasche ist hier…“

Als der Notarztwagen längst weg ist, spüre ich immer noch ihren dankbaren Händedruck.

Was ist schon wichtig?

An diesem Tag ist nichts mehr wie sonst. „Wichtige“ Dinge kommen mir geradezu lächerlich vor. Mein Zeitempfinden ist verändert. Die üblichen Gedanken, die sonst unaufhörlich auf mich einprasseln, tröpfeln jetzt nur und dazwischen ist viel Zeit zu spüren. Mich zu spüren.

Das alles erinnert mich an die Qualitäten der Göttin Durga. Bei awakening women habe ich einmal ein sehr intensives Seminar dazu besucht.

Durga reitet den Tiger

Durga wird auf einem Tiger reitend dargestellt. Allein das Bild erklärt, wofür sie steht.

Um so ein wildes und mächtiges Tier zu reiten, musst du in deiner vollen Präsenz sein. Wissen, was wesentlich ist. Und du musst Kraft haben.

Das ist so ziemlich das äußerste Gegenteil von Opfer sein.

 

Die Kunst, einen Tiger zu reiten

Wenn du einen Tiger reitest, musst du ihn beeindrucken. Im Alltag, in dem wir funktionieren müssen, stumpfen viele von uns ab. Ausdruckslos und ohne Spannung, womöglich mit Ohrstöpseln auf so einem mächtigen Tier? Das kann nicht gut gehen. Er wirft mich ab, verschmäht mich. Ich bin kein würdiger Gegner.

Einen Tiger kann ich nicht für dumm verkaufen. Meine Angst vor ihm verbergen? So tun als ob? Ein Prankenhieb und ich bin erledigt.

Manch einer kommt auf die Idee und bezwingt den Tiger. Mit eiserner Härte und Willensstärke. Gefühllos. Das Ergebnis: Ein zahmer Papiertiger. Ein Marionette. Und für den Bezwinger ein schaler Triumpf.

Wenn du hingegen stehen bleibst. Bei dir bleibst. Zu dir und deiner Angst, zu deinen Empfindungen stehst. Zulässt, was gerade ist. Dann und nur dann bist du in deiner Kraft und bereit, den Tiger zu reiten.

 

Wie du die Qualität der Durga in deinen Alltag holen kannst

Kaffee, Cola, Zigaretten, Shoppen, Frustessen holen uns für einen sehr kurzen, trügerischen Moment in eine scheinbare Wachheit. Sei dir bewusst, dass dich das eher schwächt.

  • Stattdessen wähle bedacht Kleidung, die dir Kraft verleiht. Keine farblosen oder schwarzen Teile. Kräftige Farben. Gerne Rottöne, die aber nicht zu dominant sein sollen. Kette, Tuch, Lippenstift. Das gibt dir Power. Und damit kannst du prima das ausdrücken, was ans Licht kommen möchte. Jetzt passen auch die High Heels.
  • Trainiere in einer angespannten, emotionalen Situationen Ruhe zu bewahren. Reagiere auf Aggression nicht mit Flucht oder Kampf. Bei Beschwerden, Streit, Beschuldigung atme erst mal tief durch. Bring zum Ausdruck, dass du gerne bereit bist, darüber zu diskutieren aber nicht jetzt, in dieser aufgeladenen Situation. Birgit Roy von „selberleben“ nennt das Cut. Eine kleine Pause, die eine Wende einführen kann.
    Buchtipp: Gewaltfreie Kommunikation
  • Du bist nie zufällig an Ort und Stelle. Scheue  dich nicht, zu helfen. Hilfe kann auch bedeuten, einen Schirm zu halten über Rettungskräfte und Opfer. Überlege einfach, was Not-wendend ist in der Situation. Was würdest du dir wünschen, wenn du betroffen wärst.
  • Herausforderungen, denen du dich stellst, lassen dich über dich hinaus wachsen. Klettern lernen, ein Instrument spielen. Oder Veränderungen herbeiführen. Dich mit anderen Menschen umgeben als bisher. Deine Wohnung umgestalten. Neugierig und offen sein für Dinge, die dir über den Weg laufen.
  • Wie beim PutZEN schon beschrieben, bleib bei dir. Deinem Körper und bei deinem Gegenüber. Handle dann aus einem Impuls heraus statt einfach automatisch zu reagieren.

Claudia von womanessence bringt es auf den Punkt:

Durga hilft dir, präsent, stark und mutig zu bleiben, auch wenn das Erwachen und die Veränderung schmerzen und dich in tiefe Abgründe der Angst stürzen. Sie bewahrt dich davor, wieder in die alten Muster der Gewohnheit und Angepasstheit zurückzufallen, nur weil es sich sicherer und bequemer anfühlt.

Also triff eine Entscheidung, nicht länger nur zu funktionieren und Spielball zu sein. Höre auf, dich billig mit Cola, Nüsschen & Co. zu betäuben.

Nimm dein Zepter in die Hand. Spüre dich, dein Leben und das was sich danach sehnt, von dir in die Welt getragen zu werden. Es lohnt sich.

Alles Liebe

Birgit

 

Bist du eine Frau, die sich spüren will – Barfuß oder auf hohen Hacken? Dann trag dich in den Fußletter ein.

 

12 Kommentare zu “Die Kunst, einen Tiger zu reiten

  1. Naja, ich reite nicht so oft einen Tiger und den Kühlschrank reinige ich auch nicht ständig. Aber ich habe sehr oft sehr viel um die Ohren, und manchmal schaffe ich das nur, wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig tue.
    Ich weiß natürlich, dass das nicht so gut ist …
    Aber danke für den Denkanstoß!
    LG Sabienes

    • Birgit

      Neulich habe ich eine Definition von Multitasking gelesen: „Mehre Dinge gleichzeitig schlecht erledigen“. Für Frauen würde ich das nicht unbedingt unterschreiben. Kinder, Haushalt, Job unter einen Hut zu bringen gelingt vielen Frauen erstaunlich gut. Was aber bei der Aufzählung fehlt ist das „ICH“. Gerade wir Frauen gehen dabei unter. Verlieren uns. Werden unsichtbar. Präsent sein bedeutet nicht nur, sich selbst wahrnehmen, sondern auch wahrgenommen zu werden. Als Frau, Partnerin, Mutter, Geliebte, Mensch. Wahrzunehmen, dass mehrere Dinge gleichzeitig zu tun nicht so gut ist, wie du schreibst, ist auf jeden Fall schon mal ein guter Ansatz.
      Liebe Grüße und viel Freude beim putZEN
      Birgit

  2. Liebe Birgit,
    ein super Text! Es wirkt bei mir als eine Erinnerung daran, dass ich mal wieder meditieren sollte 😉 Wir beamen uns nur allzu leicht weg im alltag und schalten unsere Sinne ab. Durch Meditation habe ich gelernt, in (fast) jedem Augenblick die Welt um mich herum zu spüren und mich mit dem „flow“ zu verbinden. Die Atmung verlangsamt sich und wir sind automatisch nicht mehr so ängstlich. Dein Bild des „Reiten eines Tigers“ ist sehr kraftvoll und mein erster Gedanke war auch der des Durchatmens. In Stress- und Angstsituationen halten wir automatisch ersteinmal die Luft an, laufen weg oder sind wie gelähmt. ein paar mal tief durchatmen macht uns ruhiger.
    Wenn ich einen Tiger reiten müsste, würde ich vermutlich erst einmal wie erstarrt sein. Die Angst würde Oberhand gewinnen. Meditationstechniken helfen sich in solchen Momenten aus der Starre zu lösen, durchzuatmen und sich der Gefahr, aber auch der Chancen bewusst zu werden. Denn mal ahrlich: Wenn wir die Chance haben „einen Tiger zu reiten“, eine Herausforderung anzunehmen, dann sollten wir uns trauen! Es stärkt unser Selbstbewusstsein, gibt uns Kraft und verbindet uns mit der Kraft des Tigers.
    Liebe Grüße,
    Kiki

    • Birgit

      Liebe Kiki,
      vielen Dank für deine Einsicht, die du hier mit uns teilst. Ich selbst meditiere auch und schon sehr lange. Vor etlichen Jahren ist mir bei den Exerzitien im Alltag klar geworden, wie es wohl wäre, wenn ich/wir ganz alltägliche Tätigkeiten, wie Schuhe anziehen; Haare waschen; die Fahrt zur Arbeit etc. als „Gottesdienst“ betrachten würden. Deshalb habe ich auch die Kunst, einen Kühlschrank zu putZEN geschrieben.
      Kraftvolle und liebe Grüße
      Birgit

  3. Liebe Birgit,
    danke für diesen wunderbaren Artikel, der mich tief berührt hat. Es steckt so viel Liebe, Weisheit und mutiges Leben drin, dass bei mir Tränen der Erinnerung gekullert sind. Tränen der Erinnerung an das, wozu ich hier auf die Welt gekommen bin und was ich sein könnte. Ebenso tiefgründig ist Claudia´s Kommentar. Du hast mich spüren lassen, dass es schon längst an der Zeit ist, den Tiger zu reiten und manchmal tu ich es auch. Doch die meiste Zeit lebe ich nicht so präsent, wie ich´s könnte. Da hätte der Tiger mich längst gefressen. Ich werde versuchen, dieses Bild der Göttin Durga auf dem Tiger mitzunehmen. Vielleicht sollte ich mir die Zeit nehmen, meine Fantasie-Göttin auf dem Tiger zu malen. Das fühlt sich sehr richtig an und ich ertappe mich schon dabei wie ich denke: „wann bloß?“ Dabei sollte ich eher fragen: „Wann, wenn nicht jetzt? Wie lange wollen wir im Halbschlaf leben? Und muss mir erst ein Schreck in die Glieder fahren oder ein Tiger im Nacken sitzen, damit ich endlich aufwache?“ Also vielen Dank für´s Wachrütteln und viele liebe Grüße ~
    Claudia Gabriele

  4. Dein Artikel berührt mich sehr tief, Birgit. Ja, allein schon unsere Präsenz kann einen großen Unterschied machen. Unsere Ruhe, unsere Kraft, unser Beistand. Oder die Worte, die tief aus dem Herzen kommen, ein Fingerzeig, eine Geste…Diese Klarheit und Kraft kann ich nur geben, wenn ich vollkommen bei mir selbst und im Moment bin. Bei mir selbst im Sinne von „in mir selbst Zuhause“. Und wenn ich in mir selbst Zuhause bin, bin ich in der Welt und im Universum Zuhause….und jetzt wird’s erst richtig interessant, denn wenn ich im Universum Zuhause bin, ist das Universum auch in mir Zuhause … und die natürliche universelle Ordnung, sprich, Bewusstsein und Liebe kann ungehindert durch mich in die Welt hineinstrahlen und wirklich Wesentliches schenken und bewirken. Danke für die wertvolle Inspiration, liebe Birgit.

    • Birgit

      Liebe Claudia,
      so ist es. Mehr ist dazu gar nicht zu sagen. Eine Hand aufs Herz, eine auf den Nabel und nachspüren. Lächeln ist erlaubt 🙂
      Alles Liebe
      Birgit

  5. Dagmar

    Liebe Birgit
    vielen Dank für deinen tollen Text. Er ist wie immer sehr bereichernd und lässt eine über die wirklich wichtigen Momente des Lebens nachdenken.
    Liebe Grüße
    Dagmar

    • Birgit

      Liebe Dagmar,
      vielen Dank. Das Leben ist zu kostbar, um darin einfach nur älter zu werden. Schon ein klein wenig mehr Bewusstsein lässt uns er-wachsen und reifer werden. Vielleicht sogar ein bisschen weise.
      Alles Liebe
      Birgit

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