Hauptsache versichert!

Hauptsache versichert

Hauptsache versichert!?

Die alten Yogis definieren einen gesunden Menschen als jemanden, der sich fühlt, als sei er körperlos. Wir müssen dazu nur ins Büro gehen.

„Sind Sie körperlich tätig?“ Ist eine der Fragen, die gestellt werden, wenn du eine Unfall- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen möchtest.

26 Jahre lang habe ich im Versicherungsbusiness diese Fragen gestellt. Und im 27. Jahr mache ich mir ernsthaft Gedanken: Was bedeutet eigentlich – nicht körperlich tätig?

Nicht körperlich tätig sind
  • Aufsichtsführende, kaufmännische, leitende Personen oder halt
  • Alle, die nichts heben, schleppen, manuell bearbeiten müssen und auch sonst ihre Muckis nicht zum Einsatz bringen – in der Arbeit zumindest.

 

Körper bitte an der Garderobe abgeben

Wir stellen uns also den typischen Schreibtischtäter vor. Gefühlt tausendmal habe ich gehört: „Was soll mir schon passieren?“ Gemeint ist: was soll passieren, dass es einen so erwischt, dass man nicht mehr arbeiten kann. – Der Körper wird ohnehin nicht gebraucht… In der Arbeit zumindest.

In der Arbeit zumindest – ist unser Körper häufig lästig. Er stört. Lenkt uns von der Arbeit ab. Hunger meldet sich zu unpassender Zeit. Wir müssen aufs Klo, dumm nur, dass wir uns aus der Besprechung gerade jetzt gar nicht gut verdrücken können. Wir brüten über einem Konzept und können uns aber nur auf unseren Magen konzentrieren, der signalisiert, dass wir gestern mal wieder zu üppig – du weißt schon…

Wenn etwas stört, schaltet man es ab. Wenn es zieht, schließen wir das Fenster. Wenn uns der Kopf dröhnt, werfen wir eine Tablette ein; wenn uns etwas sauer aufstößt gibt’s Pillen gegen Reflux. Das was uns belastet, soll gefälligst unten bleiben und nicht immer hochkommen.

 

Blick auf die Uhr. Oioioi jetzt ist etwas geboten. Mittagspause. Bäuche werden eingezogen. Schultern zurückgenommen, aufrechte Haltung eingenommen. Unser Körper darf wieder da sein.

Ab in die Kantine

Hier präsentieren wir uns, wenn wir toll aussehen. Wenn wir nicht so toll aussehen, nehmen wir uns eher zurück. Beides ist spannend zu beobachten. Körpersprachliche Meisterwerke. Hier vergleichen wir uns auch und sorgen so stets dafür, dass es uns nicht besser geht. Da tauschen wir uns aus über Schlaganfälle, Rheuma, Bandscheibenvorfälle und dergleichen mehr.

Wir haben Angst davor, dass uns unser Körper einen Strich durch die Rechnung macht.

Deshalb versichern wir ihn. Machen ihn zur Sache.

In der Unfallversicherung gibt es zum Beispiel eine Gliedertaxe. Verlust eines Daumens wird mit 20 % Invalidität veranschlagt. Ein Fuß bringt natürlich schon etwas mehr. Hier bekommen wir schon 40%…

Das nehmen wir! Und was kostet das? Was? 30 Euro? Nein das ist zu teuer.

Wir zahlen doch schon so viel in die Vollkaskoversicherung für das Auto. Und der Hausrat muss auch noch abgesichert werden. Also lassen wir es gut sein. Was kann uns schon passieren. Gemeint ist: was soll passieren, dass es einen so erwischt, dass man nicht mehr arbeiten kann. – Der Körper wird ohnehin nicht gebraucht… In der Arbeit zumindest.

 

Zurück am Schreibtisch starren wir in den Bildschirm, die Häufigkeit unseres Lidschlags verringert sich, die Augen werden trocken. Gut, dass wir Tropfen in der Schublade haben. Wir sind clever. Clever wollen wir auch im Bewerbungsgespräch auf eine bessere Position sein. Also ab zum Termin beim Chef. Eine Beförderung steht längst an. Wir wollen eine gute Figur machen. Brillieren mit unserem Wissen, können auf ordentliche Ergebnisse verweisen. Gleichzeitig zupfen wir an imaginären Flusen, reiben uns die Nase und kratzen uns danach verwundert am Kopf, wenn wir uns fragen, was da gerade nicht so optimal gelaufen ist.

Die Position ist mit jemandem besetzt worden, der sich offensichtlich mehr auf seine Hinterbeine gestellt hat. Hm.

Nach der Arbeit geht’s weiter. Zuhause ist es wie immer. Naja heute wollen wir auf Pizza verzichten. Auf die Schokolade zum Wein und die Chips auch. Zumindest versuchen wir es. Wenn unser Partner dann aber erzählt, dass er da jemanden kennen gelernt hat. Jemanden der ihm imponiert, eine so tolle Ausstrahlung hat und überhaupt, greifen wir doch zu Chips und Rotwein. Und fassen einen Entschluss. Nein, keine Rechtschutzversicherung – die zahlt bei Ehescheidungen ohnehin nicht…

Etwas muss anders werden

Wir erinnern uns an eine Zeit, in der wir uns lebendig gefühlt haben. Attraktiv. Ja – irgendwie schön. Wir beginnen mit kleinen Schritten. Gehen zum Frisör, genießen es, verwöhnt zu werden. Machen einen Spaziergang statt die Straßenbahn zu nehmen. Babyschritte.

Wir beobachten Menschen, die uns imponieren. Menschen mit dem „gewissen Extra“. Erkennen langsam, was das Geheimnis ist:

Im Körper sein

Anders als es uns die alten Yogis weismachen wollen, finde ich, dass Präsenz und Achtsamkeit sehr viel damit zu tun haben, wie wir uns in unserem Körper einrichten.

Ein Gespür für den eigenen Körper zu entwickeln kann das größte Geschenk sein. Und gut ist es, wenn dies geschieht, bevor ein Versicherungsfall eintritt.

Auf den Stöckel gebracht

Die meisten körperlichen Probleme entstehen langsam – unbemerkt. Unbemerkt deshalb, weil uns unser Körper nicht so wichtig ist. Vielleicht auch, weil wir uns unseres Körpers schämen und ihn deshalb ignorieren.

Wenn du da, wo du gerade bist innehältst, atmest, anfängst, dich zu spüren, wirst du merken, dass du – genau so, wie du bist – richtig bist.

Bleib bei dir

Alles Liebe

Birgit

Wie geht es dir? Verlierst du dich auch tagsüber manchmal? Schreib mir

5 Kommentare zu “Hauptsache versichert!

  1. Dagmar

    Liebe Birgit,
    Danke für deinen tollen und besinnlichen Text… Du beschreibst hier genau das, was mir passiert ist… Mir war mein Körper auch immer eher eine Last… Im Moment lerne ich gerade ihn zu schätzen, ihm zu helfen, ja ihn anzunehmen wie er ist. Ihm Gutes zu tun und endlich an meinem Gewicht zu arbeiten. Du hast gerade ein sehr aktuelles Thema bei mir berührt. Danke dafür…
    Liebe Grüße
    Dagmar

    • Birgit

      Liebe Dagmar,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Gewicht und Pfunde gilt es nicht loszuwerden. Sondern erst mal anzunehmen. Sie sind Symbol für unsere Unersättlichkeit nach Leben und Schönheit. Nur nähren wir uns selten mit Dingen, die uns erfüllen. Nur zu oft beschwichtigen wir unseren Hunger nach dem, was eigentlich für uns vorgesehen mit billigem Ersatz. Wo kannst du auftanken? An welchem Buch kannst du dich satt lesen? – nicht im Sinne von überdrüssig. Was hat die Qualität von „Süß“? An welchen Blüten und Düften kannst du dich berauschen? Gibt es Musik, die dich erfüllt? Wie kannst du dir davon mehr geben? Mangelt es dir an etwas? Wenn du schreibst – uns du schreibst stellvertretend für viele von uns – dass dir dein Körper eine Last war, dann frage dich: Wird die Last geringer, wenn sie weniger Kilo auf die Wage bringt? Lösung: Wiege deine Lust 🙂
      Alles Liebe
      Birgit

      • Dagmar

        Liebe Birgit,
        Ich wiege gerade die Lust auf Leben… 🙂
        Gerade für meine MS wäre es wichtiger, wenn ich weniger wiegen würde… Ich glaube ich habe mich im Leben zu oft zurück genommen und zu oft Pflicht erfüllt meine Sachen für andere durch gezogen… Ich glaube ich bin gerade wieder in einer Lernphase der Schule des Lebens…
        Danke für deine lieben Worte.
        Ich weiss warum ich deinen blog zu gerne lese.. Und jetzt wo ich 90% meiner meiner Newsletter abbestellt habe, habe ich mein Lesen auf die Kostbarkeiten reduziert:-)
        Liebe Grüße
        Dagmar

  2. Liebe Birgitt, du sprichst mal wieder das aus was wir wohl alle wissen, aber meistens verdrängen. Leider haben wir nicht immer die Wahl, gerade wenn es um den Job geht. Um so älter wir werden um so schlimmer wird es wohl. Versagensängste im Alter, durch jüngere ersetzt werden und vieles mehr spiielt da eine Rolle. Versichern kann man mit Sicherheit viel, aber nicht unsere Seele. Die einzige Alternative die ich sehe ist sich das Leben selber schön zu machen. Das müssen viele aber erst, oder wieder neu lernen. Den Blick für das wesentliche zu bekommen, auf sich achten und den Körper Wert zu schätzen. Mit Sicherheit ist das keine einfache Übung, denn aller Anfang ist schwer. Ich finde es immer wieder toll wenn ich solche Dinge auf deinem Blog lese. Oft lese ich auch die Gedichte die mir deine Leserin Claudia Gabriele van de Sand hat zukommen lassen. Ein Quell für Freude und Kraft. Liebe Claudia Gabriele, wenn du das hier lesen solltest, noch einmal vielen Dank dafür. Ich habe immer noch nicht die richtige Idee wie ich deine Gedichte verbreiten kann, die ich so sehr schätze.
    Ich wünsche euch einen schönen Tag und innere Ausgeglichenheit.
    Herzliche Grüße
    Petra

    • Birgit

      Liebe Petra,
      Schönheit ist unverzichtbar und entscheidend. Kleine Mädchen wissen das und Frauen, die zu sich stehen und sich annehmen, lernen das wieder zu schätzen. Dann lernen wir nämlich, wie Einstein es so schön aufs Papier gebracht hat: „In der Mitte der Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten“. Und weil du Poesie so liebst, hier eine Antwort auf die Angst vor dem Älterwerden: „…und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzreicher wurde, als das Risiko zu blühen.“ Anais Nin
      Alles Liebe und vielen Dank, dass du mit deinem Kommentar die Gedichte von Claudia Gabriele ehrst
      Birgit

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