Gähnen – unverschämt und anständig

Gähnen – mit oder ohne?

 

Gähnen

 

Was bitte hat Gähnen mit Füßen zu tun?

Wenn du ein körperliches Problem nicht nur schnell weghaben möchtest, sondern den Dingen auf den Grund gehen willst, dann kommst du nicht umhin, deinen Körper spüren zu lernen. Fußprobleme entstehen nicht über Nacht. Du hast dich meist Jahre übergangen. Das zu ändern kostet Mut und bringt dir ungeahnte Lebensqualität: du lernst zu dir zu stehen. Ein wesentlicher Prozess dabei ist, hinzuschauen, wann und was eine körperliche Reaktion in dir auslöst.

Du musst und willst nicht. Du willst und kannst nicht.

Morgens um Neun. Wieder eine dieser drögen Besprechungen. Vorne einer der doziert, mit eindringlicher Stimme, hinten wir, ich mittendrin und zugegeben nur mäßig interessiert. Blick auf die Uhr, noch eine Stunde?!
Szenenwechsel: Schon nach Mitternacht. Nach drei, vier Stunden Tanzen will ich nach Hause und ins Bett aber die anderen sind noch nicht aufbruchsbereit…

Mein Körper erkennt meine Zwickmühle und will mich unterstützen: mit einem herzhaften Gähnen. Oh nein! Bitte nicht, wie peinlich. Müdigkeit überkommt mich. Ein halbes Stündchen noch…

Du gähnst nicht ohne Grund. Und die Ursache ist meist nicht Müdigkeit und auch nicht Sauerstoffmangel. Aber lass uns dieses Phänomen genauer unter die Lupe nehmen. Es lohnt sich!

Der aufgerissene Mund gibt Forschern Rätsel auf

Schon Hippokrates wollte herausfinden, was uns so unvermittelt den Mund aufreißen lässt. Er vermutete, dass Gähnen das Gehirn mit mehr Sauerstoff versorgt. Diese Hypothese wurde erst vor 30 Jahren von dem Gähnforscher Robert Provine widerlegt. Dazu ließ er Probanden Luft mit einer erhöhten Konzentration von Kohlendioxid atmen. Resultat: Die Teilnehmer atmeten zwar schneller, aber sie gähnten nicht häufiger. Ähnliches gilt für das Joggen. Ein Läufer japst nach Luft. Aber er gähnt nicht, um mehr Sauerstoff zu bekommen.

Du weißt, ich weiß, dass wir gähnen, wenn wir gelangweilt sind oder müde. Wenn wir in einem überheizten Raum mit vielen anderen ausharren müssen. Wenn es nicht der Sauerstoff ist, mit dem uns Gähnen versorgt, was ist es dann? Ich vermute, es ist das, was die Inder mit Prana bezeichnen und die Chinesen mit Chi – der Lebensenergie. Lies auch hier.

Gähnst du mit oder ohne? Adler gähnen, Fische gähnen. Löwen und auch Seelöwen. Affen, Katzen und Hunde gähnen und nur wir Menschen halten uns die Hand vor den Mund.

Gähnen – Peinliches Instinktverhalten oder wertvolle Ressource?

Gähnen ist uns peinlich, denn allzu leicht kann es fehlinterpretiert werden und dein Gegenüber soll doch nicht glauben, dass seine Anwesenheit sterbenslangweilig ist oder du dich nicht im Griff hast. Dabei ist es ein famoser Empathie-Test: wer sich davon anstecken lässt, zeigt damit seine Verbundenheit. Mitfühlende Menschen gähnen schneller mit – ihre Spiegelneuronen werden aktiv.

 

Durchschnittlich zehn Mal pro Tag reißen wir den Mund auf. Ohne Vorwarnung. Und weil das unhöflich, um nicht zu sagen animalisch ist, halten wir die Hand vor. Werden wir ertappt, ist es ganz arg: Dann versuchen wir die Lippen geschlossen zu halten. Geschlossen. GESCHLOSSEN!!! Klappt nicht. Der Zwang ist größer, nur mit dem Gähngenuss ist es dann dahin. Denn zum anständigen Gähnen braucht es Hingabe.

Grund genug, für die Draufgängerin in mir, dich für herzhaftes und unverschämtes Gähnen zu gewinnen.

Mit Gähnen sorgst du gut für dich, denn: Gähnen ist Medizin

 

1

Deine Augen freuen sich, da du Tränenflüssigkeit produzierst. Das resultiert davon, dass du deine Gesichtsmuskulatur stark anspannst. Dabei wird Zug auf die Augenlider ausgeübt und ein Reflex aktiviert, der deine Augen feucht werden lässt. Gähne stündlich deinen Computer an.

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Die Speichelbildung wird angeregt. Das hat mehrere positive Begleiterscheinungen: Das beugt Karies und Mundgeruch vor. Dein Geschmackssinn wird verstärkt. Effekt: Deine Verdauung verbessert sich. Im Qi Gong lerne ich: Speichel ist eine großartige Medizin.

 3

Auch die Ohren bekommen ihr Fett ab: Die Flimmerhärchen im Hörkanal werden aktiviert und transportieren das Ohrenschmalz weiter. Die vermehrte Durchblutung sorgt für mehr Wachheit und Empfangsbereitschaft.

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Rachen, Gaumen, Schädelansatz und die Hirnbasis werden erst aktiviert und dann entspannt. So soll auch der Fluss der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit ins Gleichgewicht gebracht werden.

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Gähnen baut inneren Druck ab. “Es stimmt, dass Gähnen guttut”, sagt der Neurologe Guggisberg. “Es ist gefolgt von einem Gefühl der Erleichterung.” Unklar bleibe aber, ob die entspannende Wirkung muskulär oder psychisch sei.“ – Was für eine Frage? Beides natürlich. Ganz besonders gilt dies für die Gähn-Streck-Kombi 🙂

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Tiefes Ein- und Ausatmen massiert unsere Organe und hält sie auf Trab. Da wir jedoch immer flacher atmen, sind Leber, Milz & Co. äußerst dankbar für die Sonderbehandlung.

 

Trag dich jetzt in den Fußletter ein und hole dir weitere wertvolle Tipps, um mehr ins Spüren zu kommen.

 

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Beim Gähnen seien ähnliche biochemische Botenstoffe beteiligt wie beim Sex, meint der Gähnforscher Seuntjens, etwa Dopamin oder das Bindungshormon Oxytocin.

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Die Aktivierung des Kieferbereichs soll sich übrigens auch auf die Intelligenzleistung auswirken: So fällt es uns schwer, mit gelangweiltem Gesichtszügen und hängendem Unterkiefer selbst leichte Rechenaufgaben zu lösen. Überraschender Nebeneffekt nach dem Gähnen: du bist besser in Mathe 😉

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Was fürs Rechnen gilt, gilt auch für die Trittsicherheit. Nach dem Motto. „Wie oben – so unten““, werden auch deine Füße besser angesprochen. Ein unbeteiligter Gesichtsausdruck lässt dich also eher stolpern. Beste Sturzprophylaxe: Gähnen.

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Gähnen wirkt sich auf Zehen und Finger aus. Unsere tierischen Vorfahren haben sich mit Hauern und Krallen verteidigt. Wenn Zähne knirschen und Zehen krallen, steckt dahinter häufig unterdrückte Wut. Wer dazu neigt, dem empfehle ich beim Gähnen das lustvolle Entblößen der „Reißzähne“, denn das nimmt die Spannung aus den „Krallen“.

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Deine Stimmkraft lässt sich trainieren. Beim Gähnen senkt sich der Kehlkopf, der Resonanzraum wird größer, zugleich entspannt sich die Stimmmuskulatur, die Stimme wird klarer, befreiter und teilweise tiefer und weiter.

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Prana, Chi, Lebensenergie: In Momenten des unwillkürlichen, heftigen Einsaugens von Energie, etwa beim Augenblick direkt vor dem Orgasmus, beim Niesen oder Gähnen kommen wir der Enthüllung dieser allerfeinsten Ebene des Geistes nahe. 🙂

 

Hast du mitgezählt? Wie häufig musstest du gähnen, während du diesen Text gelesen hast? ich finde, zehn Mal pro Tag viel zu wenig. Und du?

Alles Liebe

Birgit

 

Wie gähnst du? Streckst du dich dabei? Machst du es verstohlen? Mit Geräuschen? Und wie oft? Schreib einen Kommentar.

💖  x-Mal hab ich beim Lesen gegähnt – im letzten Absatz steht dann, wie oft es war, so’n Mist, nicht mitgezählt, einfach genossen – Stephanie

 

2 thoughts on “Gähnen – unverschämt und anständig

  1. Liebe Birgit,
    danke für diesen großartigen Gähnbeitrag!
    Zusätzlich zu all dem, was du auch schon beschrieben hast, kann ich noch erweitern, dass in der Sexological Bodywork Gähnen oft ein Zeichen für das Loslassen von (traumatischen) Verspannungen ist. Zum einen, weil Gähnen grundsätzlich streßlösend ist. Zum anderen auch, weil z.B. Hals, Kehle und Kiefer mit dem Unterleib und dem Schoß verbunden sind, also mit dem Uterus, der Vagina und der Vulva. So, wie es die Lippen des Mundes gibt, gibt es auch die Stimmlippen und die Venuslippen. Wenn sich in einer DeArmouring Session durch sanftes Halten von Punkten in der Vagina bzw. an der Zervix (Muttermund) Spannungen lösen, ist das häufig von Gähnen begleitet. Es ist wie ein sanftes Ausdehnen, eine Wiederaufnahme von intimer Verbindung mit uns selbst. Wenn wir tief in unseren physischen Körper eintauchen, gehen wir auch tief in den emotionalen Körper. Atmen und Gähnen sind wunderbare Wegbegleiter. Und das darf ganz langsam und sanft geschehen – wie du schon am Anfang deines Beitrags schreibst: Es braucht Hingabe.

    Herzlichst,
    Anandi

    • Birgit

      Liebe Anandi,
      vielen dank für deinen wirklich bereichernden Kommentar. Mich freut, dass du das ansprichst. Denn unser Schoßraum ist mit unserem Kieferbereich verbunden. Durch Nerven, Faszien und wie du schreibst, gibt es sowohl optische als auch sprachliche Entsprechungen. Das kann kein Zufall sein. Wenn wir schamlos gähnen, sind wir ganz einfach freundlich zu uns und unserem Körper. Wir Frauen dürfen wieder lernen, dass unsere weibliche Medizin sanfte und achtsame Berührungen, Freundlichkeit einschließt. Wie wunderbar, dass du das anbietest.
      Alles Liebe
      Birgit

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